FREITAG_27.02.2009_SEKTION II_15-20 UHR

05_15:45 Widerstand, Recycling, Heterotopien
Kommunikationsguerilla & Culture Jamming als Kritik der Macht

Dr. Marcus S. Kleiner, Medien- und Kommunikationswissenschaftler, Universität Siegen

Der lange und beharrliche Traum von der Revolution und Subversion der Verhältnisse modert spätestens seit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und dem Verschwinden von großen, revolutionären Sozialutopien auf dem Müllhaufen der Geschichte. Andererseits werden Revolutionsphantasien und Sozialutopien kontinuierlich recycelt, vor allem in der (Pop)Kulturindustrie, zum Beispiel als Revolutionsmarketing, Radical Chic, riskante Phantasie qua Buch- und CD-Kauf sowie Film- und Ausstellungsbesuch oder durch unterschiedlichste Spielarten des Differenzkapitalismus und Self-fashoning. Längst vergessen scheint hierbei, dass, wie Robert Misik betont, noch vor einigen Jahren alle Weltverbesserer bzw. Weltveränderer als anachronistische und hoffnungslose Retro-Aktivisten belächelt wurden. Wirklichkeitssinn bewiesen hingegen vermeintlich die, die auf Kapitalismus, freie Marktwirtschaft, Zukunftsoptimismus und die Feste der Erlebnisgesellschaft setzten, sich also in der Wirklichkeit in ihrem status quo einrichteten. War dies noch signifikant für die Generation Golf, das sind die zwischen 1965 und 1975 Geborenen, und ihr Verständnis von Politik, so nimmt heute der Junge seine Gitarre und singt wieder: Hallo! Worum geht’s? Ich bin dagegen! Frei nach dem Motto: »Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen« (John Holloway). Und damit zu versuchen, inmitten des kritisierten Systems temporäre autonome Zonen zu schaffen, in denen dem Kapitalismus in, mit und durch ihn selbst Einflusszonen abgerungen werden können. Seit Ende der 1980er Jahre wird einerseits immer wieder auf die Erschöpfung linker politischer Praxis und das Ende der Utopien, andererseits auf die Notwendigkeit zum Neuentwurf und dessen konkrete Möglichkeiten hingewiesen. Dieser Neuentwurf wird gegenwärtig weniger als ein Kampf der Ideologien konzipiert, sondern vielmehr als ein Gestalten von anderen Räumen, Heterotopien, in denen neue Ausdrucksformen der Kritik und Produktion sowie zeitgemäße Agitations- und alternative Lebensformen entworfen werden. Zwei Widerstandskulturen, die sich in diesem Kontext entwickelt haben, und sich als Neuentwurf linker politischer Praxis verstehen, sind Kommunikationsguerilla und Culture Jamming, die als (künstlerische sowie politische) Konzepte und Aktionsformen in den 1990er Jahren als lose Netzwerke linker politischer Aktivisten entstanden sind. Beide werde ich fokussiert auf folgende key words in meinem Vortrag vorstellen und diskutieren: 1968 | Revolution | Kommunikationsguerilla | Culture Jamming | Recycling | Widerstands-Heterotopien.

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Dr. Marcus S. Kleiner
Medien-, Kommunikations- und Kulturwissenschaftler. Studium der Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft. Medientheoretische Promotion, z. Z. Arbeit an einer medien- und kommunikationswissenschaftlichen Habilitation. Lehrt(e) seit 2000 Medien-, Kommunikations- und Kulturwissenschaften an den Universitäten Duisburg, Düsseldorf, Dortmund, Klagenfurt, Bonn, Magdeburg und Siegen. Seit 1999 zudem freiberufliche Tätigkeiten als Medienberater, Projektmanager, Veranstalter, Texter, PR-Redakteur, Publizist und Hörspielautor in der Kultur- und Medienwirtschaft. Letzte Buchpublikationen u.a.: Medien-Heterotopien. Diskursräume einer gesellschaftskritischen Medientheorie (2006), Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region (2008) und Grundlagentexte zur sozialwissenschaftlichen Medienkritik (2009).
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