FREITAG_27.02.2009_SEKTION I_11-13:30 UHR

01_11:00 re:construction
Prof. Dr. Verena Kuni, Prof. für Visuelle Kultur, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Begriff “Rekonstruktion” bezeichnet im kulturellen Feld die Wiederherstellung von etwas, das in seiner ursprünglichen Form nicht mehr oder nurmehr fragmentarisch erhalten ist. Aufgrund dieser Ausgangslage eignet dem Prozess wie auch dem Ergebnis einer Rekonstruktion ein hypothetischer Charakter – jede Wieder-Herstellung ist in diesem Sinne zugleich eine Neuschöpfung, die zugleich aktuelle Zugänge zu dem vorschlägt und damit schafft, was andernfalls möglicherweise verloren gegangen bzw. geblieben wäre. Hierin liegt ein wichtiges Potential eben jener kulturellen Techniken und künstlerischen Strategien, die von manchen gern als Raubbau am Kulturspeicher verstanden werden, wie beispielsweise “sampling“ und "remix". Denn wenn Karten neu gemischt werden, verändern sich die Konstellationen. In der Wiederaufnahme und -verwendung von Vorhandenem liegt nicht nur das Potential kritischer Revision im Sinne einer Dekonstruktion. Vielmehr forcieren kombinatorische, performative und transformative Verfahren von der Permutation bis zum Upcycling weiterführende Perspektiven. In diesem Sinne lassen sich “samplings“ und "remixes", das " Entwenden und Verwenden der Archive" als Re-Konstruktionen verstehen: Als innovative kulturelle und künstlerische Praxis, die ihr Material aus dem Speicher schöpft und dabei zugleich Hypothesen über das entwickelt, was gewesen ist. Wer “samplings“ und "remixes" dem gegenüber Raubbau unterstellt, übersieht, dass ein solcher Gebrauch zugleich erhält: Ein Archiv, das nicht genutzt wird, gerät in Vergessenheit und verfällt.


Prof. Dr. Verena Kuni
Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin. Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Arbeitete zuvor als wiss. Mitarbeiterin bzw. Assistentin an Universitäten und Kunsthochschulen in Deutschland und der Schweiz; daneben zahlreiche internationale Gastdozenturen und Forschungs-kooperationen. Autorin u. a. für internationale Kunstmagazine sowie andere Print- und online-Publikationen; seit 1997 radio-aktiv mit ihrer Kunstradio-Sendung GUNST. Von 1995 bis 1999 Ko-Kuratorin beim Kasseler Dokumentarfilm und Videofest; seit 1999 ebd. Leiterin der interfiction-Tagung für Kunst, Medien und Netzkultur. Forschung, Lehre, Projekte und Publikationen zur zeitgenössischen Kunst und (Medien-)Kultur sowie deren vergangenen und zukünftigen Geschichten; aktuell mit Fokus auf D.I.Y. und prosumer cultures; Medien der Imagination – Imagination der Medien; Technologien der Transformation; Philosophisches Spielzeug; Cyborg Entomologie; Transfers zwischen Medien- und Materialkulturen sowie Phänomene und Effekte des Digitalen Verfalls.

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