FREITAG_27.02.2009_SEKTION I_11-13:30 UHR

02_11:45 Recycling-Design revisited
Martina Fineder, Designerin & Designforscherin, Universität für Angewandte Kunst Wien

Recycling ist spätestens seit Mitte der 1990er Jahren ein viel strapazierter Begriff in der Gestaltung und Bewerbung von Waren. Aufgrund ihrer ‚Herkunft’, so meine These, lassen sich Dinge, die in einem Recyclingverfahren entstehen, oder auch nur in diesem Kontext präsentiert werden, als ideale Träger subversiver Botschaften einsetzen und sich als diese auch gezielt vermarkten. Im Rahmen dieses Vortrags wird deshalb eine Spurensuche nach der Anziehungskraft von Dingen aus recyceltem Material oder Gegenständen unternommen. Ausgangspunkt für die Untersuchung ist die gegenkulturelle Geschichte, die solche Dinge mit sich tragen. Dazu wird anhand von umweltkritischen Designbeispielen die Wirkungsgeschichte von Möbeln, Leuchten und diversen Accessoires aus wieder- oder weiter verwendetem Material herangezogen, beginnend mit Ende der 1960er Jahre, als im Design der Bruch mit den strengen Maßstäben der klassischen Moderne geprobt wurde und gleichzeitig eine Alternativkultur erwachte, die im Zusammenhang mit der Grünen Bewegung nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten suchte. Alltagspolitische Handlungen, die sich stark in einer vom Mainstream emanzipierten Gestaltung des persönlichen Umfelds ausdrückten, setzten gerne auf Do-it-yourself-Praktiken, Recycling und Second Hand. Diese Praktiken gelten gemeinhin als Ausdruck einer Konsumhaltung, die wir mit Konsumkritik, Humanisierung der Moderne und der Suche nach einer neuen Sinnlichkeit in Verbindung bringen. Daran lassen sich gut Leitmotive und Ideale ablesen, die den Objekten anhaften oder diesen in Folge bis heute zugedacht werden, wie z.B: die Neubewertung des Alltäglichen und Zufälligen (Ornamentik des Alltags und deren narrative Qualitäten), Ideale des Demokratischen wie Dezentralisierung und Partizipation und nicht zuletzt ein Ressourcen schonender Umgang in der Gestaltung von Waren. Für eine vertiefende Untersuchung der narrativen Qualitäten von Recyclingobjekten wird die Sammlung von Alltagsgegenständen des russischen Künstlers Vladimir Arkhipov herangezogen. Die Dinge, die zum Teil ‚aus der Not geboren’ wurden, archiviert Arkhipov mit ihren Entstehungsgeschichten und die Biographie der Objekte (nach Kopytoff) wird zum zentralen Thema. Hier werden auch ganz persönliche Motive sichtbar, wie etwa Fürsorge und Liebe, die sich durch die Weitergabe von Dingen ausdrücken. Ein Blick auf aktuelle Designbeispiele, wie etwa Greg Lynn’s ‚Recycled Toy Furniture’, die mit dem Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig 2008 ausgezeichnet wurden, beschließt den Vortrag.

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Martina Fineder
studierte Industrial Design und Produktgestaltung an den Kunstuniversitäten Linz und Wien. Als Mitbegründerin von D+ Büro für Design entwarf sie u.a. Ausstellungen, Objekte und Publikationen für das MuseumsQuartier Wien, das Österreichische Volkskundemuseum und das Technische Museum Wien sowie den Biennale Beitrag Peter Friedls von 1999 in Venedig. Zwischen 2002 und 2007 arbeitet sie als freie Ausstellungsmacherin und Autorin in den Bereichen der angewandten Kunst und Alltagskultur des 20. Jahrhunderts. Projekte und Buchpublikationen sind unter anderem „PostScript – Zur Form von Schrift heute“ (Künstlerhaus Wien/Hatje Cantz, 2004) und „Notwehr. Russische Alltagshilfen aus der Sammlung Vladimir Arkhipov“ (Kunsthalle Krems, 2003). Textbeiträge zum Thema Re* erschienen u.a. in der Online-Ausgabe des „Report. Magazin für Kunst und Kultur in Osteuropa“ und dem Französischen Architekturmagazin l'architecture d'aujourd'dui. Seit 2003 lehrt sie an der Universität für angewandte Kunst und der Technischen Universität Wien. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Erforschung der Geschichte und Material Culture des sozialen und ökologischen Designs. Gemeinsam mit Thomas Geisler baut sie seit 2007 an der Universität für angewandte Kunst das Victor Papanek Archiv auf. 2009 erscheint beim Springer Verlag Wien/NewYork eine deutsch-sprachige Neuauflage von Papaneks „Design for the Real World. Human Ecology and Social Change“ mit dem Titel „Design für die Reale Welt. Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel“ unter ihrer Mitherausgeberschaft.